Geschichte

 

 

 

Die Geschichte des Inselheimes

Erinnerungen des Gründers des Inselheimvereins Franz Leow

Die Errichtung des Schalksmühler Schullandheimes auf der Nordseeinsel Wangerooge verdanken wir der Unterstützung der gesamten Bevölkerung der Gemeinden Schalksmühle und Hülscheid, den Gemeindevertretungen, den Eltern, Schülern und Lehrern aller Schulen, ferner der Bereitschaft der heimischen Industrie, dafür zu spenden. Trotzdem gäbe es kein Schalksmühler Schullandheim ohne meine Anregung, nachdem ich Ostern 1954 zum Leiter der Realschule Schalksmühle berufen wurde.

 

Wie kam ich dazu? Am 1.3.1947 wurde ich mit meiner Familie aus dem Gebiet östlich der Oder vertrieben und in Bünde an der Volksschule als Realschullehrer eingestellt. An dieser Schule suchte ein Kollege namens Wagenfeld nach der Möglichkeit, für die Schüler Klassenaufenthalte an der See durchführen zu können, aus gesundheitlichen und pädagogischen Gründen. Schon vor dem Kriege war er mit Klassen auf der Nordseeinsel Wangerooge gewesen. So fuhr er 1946 im Auftrag des Schulleiters Rektor Bakemeier nach Wangerooge, um nach Unterkunftsmöglichkeiten zu suchen. Wangerooge war in den letzten Kriegswochen durch den Angriff einer großen englischen Luftflotte weitgehend zerstört worden. Die östliche ostfriesische Insel war zum Schutz der Jade als Zufahrt zum Kriegshafen Wilhelmshaven besonders stark befestigt und mit Flugabwehrgeschützen bestückt worden. Man verwies Lehrer Wagenfeld auf drei große auf Pfählen teilweise im Watt, teilweise in den Dünen sehende Baracken am Ostende der Insel. Bis zum Krieg dienten sie Arbeitern des Wasserstraßenbaues Wilhelmshaven als Unterkunft. Diese sollten durch Errichtung und Unterhaltung geeigneter Wasserbaumaßnahmen die Versandung der Jadezufahrt zum Kriegshafen Wilhelmshaven verhindern. Während des Krieges lag hier eine Flugabwehrbatterie. Da sie während des Luftangriffes auf Wangerooge, ganz im Osten der Insel gelegen, nicht mit Bomben beworfen wurde, griff die Batterie nicht in das Abwehrfeuer ein. Die Batterie war als einzige in Wangerooge nicht in Betonbunkern sondern in den Holzbaracken untergebracht. Eine Bombardierung hätte den größten Teil der Soldaten getötet und die Baracken völlig zerstört. Nach dem Kriege standen die Baracken leer, denn die Wiederaufnahme der Wasserschutzarbeiten wurde von den Engländern nicht genehmigt.

 

Lehrer Wagenfeld konnte deshalb die Baracken vom Wasserstraßenbau mieten. Das Inventar war noch weitgehend vorhanden.

Im Frühjahr 1947 begann die Belegung des Heimes mit jeweils drei Klassen für vier Wochen. Lehrer und Schüler waren begeistert. Die Erfolge auf gesundheitlichem wie pädagogischem Gebiet machten aus mir einen begeisterten Anhänger der Schullandheimbewegung.

 

Gründung des Inselheimvereins

 

Als ich am 1.5.1954 meinen Dienst an der Realschule Schalksmühle antrat, machte ich dem Kollegium, den Schülern und Eltern den Vorschlag, mit einigen Klassen im Bünder Heim einen Schullandheimaufenthalt durchzuführen. Der Gedanke erhielt breite Zustimmung. Im Herbst 1954 fuhren zwei und im Jahr darauf drei Klassen der Schalksmühler Realschule nach Wangerooge. Obwohl die Unterkünfte damals recht schlicht waren (einfache Betten, große Schlafräume, primitive Toiletten und Waschgelegenheiten, enger Speisesaal, kein elektrisches Licht) waren Lehrer und Schüler von den Heimaufenthalten begeistert. Einige Eltern, darunter der damalige Bürgermeister Ernst Brune von der Gemeinde Schalksmühle, die ihre Kinder im Heim besuchten, waren gleichfalls von dem Heimleben sehr angetan. So war es nicht verwunderlich, dass der Gedanke, selbst in Wangerooge ein Heim zu erstellen, weitgehend begeistert aufgenommen wurde. Fabrikant Carl Vedder schenkte eine große Baracke, die während des Krieges in der Asenbach Fremdarbeitern als Unterkünft gedient hatte. Sie sollte in Wangerooge, neu aufgestellt, als Heim dienen.

Für dieses Geschenk musste ein Besitzer gefunden werden. So wurden alle SchulÔÇæ und Gemeindevertreter sowie Elternschaften im Oktober 1955 in die Jahnturnhalle eingeladen. Die Versammlung war reich besucht. Nach meinem Vortrag von Schullandheimaufenthalten gab es in der anschließenden Aussprache Zustimmung aller Anwesenden. Folgendes wurde beschlossen:

Für die Schulen der Gemeinde Schalksmühle und Hülscheid soll auf der Nordseeinsel Wangerooge ein Schullandheim erstellt werden.

Träger des Heims sollen nicht die Gemeindeverwaltungen, sondern ein Verein sein, der sofort gegründet wurde und den Namen 'Inselheimverein SchalksmühleÔÇæHülscheid e.V. erhielt.

Zum 1. Vorsitzenden wurde ich, Realschuldirektor Franz Leow, gewählt. 2. Vorsitzender wurde Landwirt Werner Fischer, Dahlhausen. Schriftführer wur e Direktorstellvertreter Hans Lienenkämper von der Realschule Schalksmühle. Kassenwart und Rechnungsführer wurde Günther Othlinghaus, Angestellter der Firma C. Kuhbier & Sohn. Der Mitgliederbeitrag von monatlich 0,50 DM sollte ab 1.1.56 erhoben und von den Schulen eingesammelt und an den Kassierer abgeführt werden. Die Eltern der Realschüler traten dem Verein geschlossen bei. Auch bei den anderen Schulen gab es sehr viele Mitglieder.

 

Das Jahr 1956

 

In diesem Jahr fanden keine Klassenfahrten mehr statt. Es war ausgezeichnet durch viele Aktivitäten zur Errichtung des geplanten Schullandheimes. Der Verein bemühte sich, auf der Nordseeinsel Wangerooge ein Gelände für die Errichtung des Heimes zu erwerben. Schließlich konnte von der Regierung in Oldenburg ein etwa 3.000 Quadratmeter großes Grundstücksdreieck gegenüber dem Rüstringer Heim östlich der öffentlichen Straße erworben werden, nur etwa 150 Meter von der Strandmauer und dem umzäunten Badestrand entfernt, der im Sommer von einem Bademeister der Kurverwaltung überwacht wurde.

 

Zunächst war daran gedacht worden, die von der Firma Vedder gestiftete Baracke als Heim aufzustellen. Die Kosten waren auf 30 bis 40.000 DM geschätzt worden. Da die zur Verfügung stehenden Mittel jedoch auf rund 100.000 DM angewachsen waren, wurde beschlossen, das Heim sofort massiv in Klinkerbauweise zu errichten. Aus dem Holz der Vedderschen Baracke sollte ein 4 x 8 Meter großer Geräteschuppen errichtet werden.

 

1957, das Jahr des Heimbaus

 

Im Frühjahr 1957 wurde der Bauauftrag an die Firma Janssen, Wangerooge, für die Maurer, Tischler und Dachdeckerarbeiten vergeben. Die Finanzierung war, wie zuvor ausgeführt, für den ersten Bauabschnitt voll gesichert. In den Pfingstferien fuhr ich mit einem älteren Realschüler nach Wangerooge. Die Firma Janssen hatte aus Teilen der Vedderschen Baracke den vorgesehenen Geräteschuppen errichtet, der uns als Unterkunft diente. Wir sicherten das Heimgelände durch einen Drahtzaun ab. Später wurde dieser zur Straßenseite durch einen Jägerzaun in Eigenarbeit ersetzt. Nachdem für den Kurort Wangerooge der übliche saisonale Baustopp in Kraft getreten war, begann die Firma Janssen im Spätsommer mit den Bauarbeiten. In den Sommerferien fuhr ich mit meiner Frau und sechs älteren Realschülern nach Wangerooge. Wir schliefen im Geräteschuppen, meine Frau im Dorf. Sie kam jeden Tag zu Fuß in den Westen um uns Mittagessen zu kochen. Hauptaufgabe der Arbeitsgruppe war, die inzwischen erstellten Räume bis zur Höhe des Fußbodens mit Sand aufzufüllen. Der Sand wurde von einer auf dem jetzigen Wirtschaftsteil gelegenen Düne mit Schubkarren abgefahren. Als diese Arbeiten beendet waren, konnten wir noch das Richtfest feiern. Meine Frau hatte aus auf Wangerooge heimischen Kräutern einen großen Richtkranz gebunden. Bis zu den Herbstferien war der Bau soweit gediehen, dass interessierte und maßgebende Bürger aus Schalksmühle zu einer Besichtigungsfahrt eingeladen werden konnten. 

Das Heim wird zum ersten Mal belegt

 

Anfang Mai 1958 fuhr ich mit dem Kassierer Günther Othlinghaus, unseren Frauen und Frau Sauser ins neue Heim, um das Inventar in Empfang zu nehmen und das Heim wohnlich einzurichten. Es war eine schwere Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Als etwa am 10. Mai die beiden Oberklassen der Realschule eintrafen, war die Arbeit geschafft. In der ersten Gruppe fand nur wenig Unterricht statt. Lehrer und Schüler waren damit beschäftigt, die Umlagen auf dem Heimgelände für die feierliche Einweihung Ende Mai entsprechend herzurichten.

Zur Einweihung erschienen der Oberkreisdirektor Feuring, die Vertreter der Gemeinden Schalksmühle und Hülscheid, sowie Eltern, die interessiert waren und sich um das Heim verdient gemacht hatten. Auch Dr. Siemens, der Bürgermeister von Wangerooge und ärztliche Betreuer des Heimes, war erschienen. Er versprach dem Heim einen Fußball, der meines Wissens aber nie geliefert wurde.

Die Heimbelegung während des ersten Sommers verlief nach Plan und ohne besondere Vorkommnisse. Alle Teilnehmer waren mit dem Heim, der Verpflegung und dem Aufenthalt sehr zufrieden. Insgesamt besuchten acht Gruppen für jeweils drei Wochen das Heim. Die Zahl der Verpflegungstage betrug gleich mehr als 10.000. Eine dann frei zusammen gestellte Feriengruppe wurde im ersten Jahr vom Ehepaar Kerzmann betreut. In den folgenden Jahren von mir, meiner Frau, dem Ehepaar Othlinghaus und einigen jüngeren Hilfskräften. Die Ferienkuren brachten dem Verein durch Zuschüsse des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Gemeinden, aus denen die Kinder kamen, besonders gute Einnahmen. Dadurch war es möglich, die Elternbeiträge für die Klassenfahrten auf einem niedrigen Stand zu halten. Da auch schulentlassene Jugendliche gern das Heim besuchen wollten, wurde die zweite Ferienzeit in einem Wechsel der Turnerjugend, der evangelischen Kirche und der Landjugend des Höhengebietes zur Verfügung gestellt. Die Belegung endete Ende September. Von vornherein war vorgesehen, das Heim nur in den fünf wärmeren Monaten von Anfang Mai an zu belegen. Es sollte den Klassen nicht zugemutet werden, in den kälteren Jahreszeiten an die See zu fahren. Von den Heimräumen konnte in den ersten Jahren nur der Speisesaal (mit Gas) und der Aufenthaltsraum (mit Öl) beheizt werden. Eine Winterbeheizung wäre unrentabel gewesen. Die Kosten für Personal ÔÇæ Tag für Tag im Dienst konnten niedrig gehalten werden. Es konnte sich in den sieben Monaten ohne Heimbelegung für die nächste Saison wieder erholen. Ferner blieb genügend Zeit für Ausbau und Reparaturarbeiten, die den Heimbetrieb gestört hätten. Die Finanzierung der Belegung verlief reibungslos. Die Gemeinde Schalksmühle hatte im Haushaltsplan 1.000 DM als Zuschuss für bedürftige Kinder eingesetzt. Dieser Betrag kam der Volksschule voll zugute. Zuschüsse für bedürftige Realschüler wurden durch Spenden der Eltern voll gedeckt. In den ersten Jahren fuhren die Realschüler während der sechsjährigen Schulzeit dreimal ins Heim. Die AnÔÇæ und Abfahrten mit jeweils zwei Bussen war viel schwieriger als heute. Die Busse der Firma Adolf waren altmodisch und holperig. Sie mussten über schlechte Landstraßen und enge Ortsdurchfahrten in Hagen, in Dortmund, Münster, Rheine, Lingen, Meppen, Papenburg und Leer erfolgen. Die Fahrtzeit, einschließlich einer einstündigen Rast, betrug jeweils acht Stunden. Autobahnen in NordÔÇæSüdÔÇæRichtung gab es noch nicht. Der Wechsel fand am Westanleger in Wangerooge statt. Die Busse hatten also eine vierstündige Wartezeit in Harlesiel. So waren sie insgesamt zwanzig Stunden unterwegs. Ab und an wurden Kinder busfahrkrank, so dass immer Eimer und Papierservietten mitgenommen werden mussten.

 

Der Eingang restlicher Zuschüsse des Landes und des Kreises, der Mitgliederbeiträge, einiger Spenden und sparsamste Wirtschaftsführung durch Kassenwart Günther Othlinghaus sowie der Köchin Frau Sauser, ermöglichten es, nach Abschluss der ersten Saison bereits im Winter 1958/59 den zweiten Bauabschnitt durchzuführen. Der Erwerb eines zehn Meter breiten Streifens an der Nordseite des Geländes ermöglichte einen fünf Meter Anbau des Mädchenflügels mit zwei Sechserzimmer durch ehrenamtliche Hilfskräften.

 

Das Jahr 1959

 

Dieses Jahr war durch einen schönen, regenarmen Sommer gekennzeichnet. Es konnte viel gebadet werden. Da vor der Strandmauer noch reichlich Sand vorhanden war, konnten die Kinder dort Spielen, Sandburgen bauen und sich ausgiebig sonnen. Zum ersten Mal waren Klassen aus anderen Gemeinden im Heim, z.B. aus dem Geschwister Scholl Gymnasium Lüdenscheid. Durch den Anbau am Mädchenflügel war die Zahl der Betten auf 72 erhöht worden. Dies blieb lange Jahre so. Gerade genug für eine Heimbelegung durch zwei Klassen mit drei Aufsichtspersonen. In der Küche half die Mutter des Kassenwartes Othlinghaus. Nach Abschluss der Saison waren so viel Mittel vorhanden, um einen dritten Bauabschnitt in Angriff zu

 

nehmen. Heimische Handwerker wurden herangezogen, die ehrenamtlich arbeiteten.

 

Die Jahre 1960 und 1961

 

Da sich die Sandlage vor der Strandmauer verschlechterte, stand als nächstes die Erstellung eines 24 x 40 Meter großen Sportplatzes auf eigenem Gelände auf unserem Plan. Von der Regierung in Oldenburg (Domänenverwaltung) konnten für diesen Sportplatz und für ein später zu errichtendes Hausmeisterhaus eine genügend große Grundstücksfläche erworben werden. Als Vorarbeit für den Sportplatz musste das Gelände eingeebnet werden. Hunderte Kubikmeter Dünensand waren von dem vor dem Heim vorgelagerten Dünengelände in das tiefer liegende Gebiet an der Südseite des Heimgrundstückes zu transportieren. Das wurde von Jungen der Heimbelegung durchgeführt. Im Herbst 1961 erstellte die Firma Janssen den Sportplatz mit einer roten Ziegelkorndecke, so dass er im nächsten Jahr benutzt werden konnte. Der Platz kostete etwa 20.000 DM.

 

Die Jahre von 1962 bis 1965

 

Es waren meine letzten Jahre als Vorsitzender des Inselheimvereins. Ein den Strand ungünstig beeinflussendes Ereignis war die große Sturmflut am 17. Februar 1962. Zwar wurde durch einen Deichbruch des Dorfgrodens der Ort Wangerooge am schlimmsten betroffen, aber die Strandmauer im Westen der Insel wurde völlig zerschlagen. Wasser strömte über den Zeltplatz bei Metsch und das Häuschen des Vogelwartes stand einen Meter unter Wasser. Wir hatten bei der Nachricht in Schalksmühle das Schlimmste befürchtet. Wider Erwarten hatte das Heim aber nur geringe SturmÔÇæ und keine Wasserschäden, auch der tiefer gelegene Sportplatz wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Dagegen war das Dach des Hammer Heimes ("Haus am Meer") 100 Meter weit in den Groden geschleudert worden. Das Heim selbst litt unter Einsturzgefahr. Glücklicherweise ebbte die Flut im kritischen Augenblick ab, so dass keine Menschenleben in Gefahr gerieten. Einige Tage nach der Flut fuhren wir nach Wangerooge. Wir waren angenehm überrascht, als wir von der Düne am Westturm, Heim und Sportplatz unversehrt liegen sahen. Im Heim war ein Zug BundeswehrÔÇæPioniere einquartiert, der das große Loch in der Strandmauer gegen neue Fluten stopfen sollte. Auf unserem Sportplatz landete gerade ein Armeehubschrauber. In den nächsten Jahren wurden im Westen umfangreiche Deichbauten durchgeführt, die genügend Schutz bei höchsten Fluten bieten. Leider war der Sandstrand an der Küstenmauer nun aber völlig abgetragen. Da kam der Sportplatz gerade zur rechten Zeit.

Die Heimbelegung hatte sich eingespielt. Außer den Schalksmühler Schulen kamen auch Klassen aus Halver und Rummenohl. Die Aufenthaltszeiten begannen allmählich kürzer zu werden.

Nach zehn Jahren Vereinsführung legte ich das Amt des Vorsitzenden nieder. Ich hatte alle Ziele, die ich mir gesteckt hatte, erreicht und war nun meines Amtes müde geworden. In der jährlich stattfindenden Jahreshauptversammlung wurde Hans Thiedemann von der Schule Spormecke zu meinem Nachfolger gewählt.

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